Hermann Müller züchtete 1882 an der rheingauischen Forschungsanstalt Geisenheim eine weiße Rebsorte, den so genannten Müller-Thurgau. Aus Rechts- und Marketinggründen ist die Rebe heute auch als Rivaner bekannt. Das Synonym lässt sich auf die vermuteten Elternreben Riesling und Silvaner zurückführen. Eine gentechnische Untersuchung bestätigte 1998 zwar den Riesling als Mutter, nicht aber den Silvaner als Vater. Tatsächlich handelt es sich beim Erzeuger um die Rebsorte Madeleine Royale.
Trotz des offensichtlichen Irrtums wird die Rebe weiterhin Rivaner genannt und mit einer Anbaufläche von 42.000 Hektar als weltweit erfolgreichste Neuzüchtung gehandelt. Ihr eilt allerdings ein eher schlechter Ruf voraus. Zur Begründung: Der Rivaner reift vergleichsweise früh, was für hohe Erträge sorgt. Aus den hohen Erträgen produzieren viele Winzer aber nur minderwertige Massenweine. Ihre Stärke bedeutet also zugleich ihre Schwäche.
Da sie nur geringe Ansprüche an Klima und Boden stellt, wird sie überall dort angebaut, wo renommiertere Rebsorten nicht gedeihen. So ist es dem Rivaner unmöglich, seine eigentliche Qualität zu entfalten, denn unter besseren Bedingungen wären aromatische wie preiswerte Weine möglich, vor allem für Einsteiger. Der Rivaner weist für gewöhnlich einen eher niedrigen Säuregehalt auf und schmeckt daher mild, aber trotzdem fruchtig. Nach Möglichkeit sollte er noch im jungen Alter getrunken werden, eine Lagerung bringt nämlich nur in seltenen Fällen bessere Weine hervor.
In den Jahren 1975 bis 1995 beanspruchte der Rivaner innerhalb Deutschlands rund ein Viertel der gesamten Rebfläche und lag damit klar auf dem ersten Rang. Vom Thron stieß ihn ausgerechnet seine eigene Mutter, der Riesling, bis heute unangefochtene Nummer eins.